City-Bahn - Fragestellung zum Bürgerentscheid, Aussagen des Verkehrsentwciklungsplans

Folgende Frage wird der Wiesbadener Bevölkerung zur Entscheidung vorgelegt:
„Soll der Verkehr in Wiesbaden, zur Vermeidung von Staus und weiteren Verkehrsbeschränkungen für den Autoverkehr, durch eine leistungsfähige Straßenbahn (Citybahn) von Mainz kommend über die Wiesbadener Innenstadt bis Bad Schwalbach weiterentwickelt werden, um Verkehrszuwächse abzufangen und Umweltbelastungen (Luftverschmutzung, Lärmbelastung) zu verringern?“

Im Zusammenhang mit der Wahl der „richtigen“ Frage zum Bürgerentscheid City-Bahn ist die Sache selbst in den Hintergrund getreten.

Es ist daher an der Zeit sich wieder verstärkt mit den verkehrlichen Wirkungen der geplanten Maßnahme auseinanderzusetzen. Hilfreich hierfür ist der zwischenzeitlich vom Stadtparlament verabschiedete Verkehrsentwicklungsplan (VEP) für unsere Stadt.
Man sollte in Anbetracht des erheblichen baulichen und finanziellen Aufwandes der mit dem Bau und dem späteren Betrieb der Bahn verbunden sein dürfte davon ausgehen, dass eine City-Bahn zu erheblichen Verkehrszuwächsen im öffentlichen Verkehr führen würde.
Die Daten des VEP zeigen jedoch in eine ganz andere Richtung. Der Anteil des ÖV am modal split (Aufteilung des Verkehrsgeschehens auf die einzelnen Verkehrsträger) wird durch die Bahn um lediglich 1% erhöht werden. Selbst die Autoren des VEP kommen zu dem Schluss, dass „die Zuwächse im ÖV mit einer Zunahme von rund 7% (entspricht 1%modal split) vergleichsweise gering ausfallen und diese vor allem auf die City-Bahn zurückzuführen sind“.
Der deutlichste Effekt auf das Verkehrsgeschehen der Stadt ist hingegen durch die Umsetzung des Radverkehrskonzeptes und die damit verbundene Attraktivitätssteigerung mit gestiegenem Wegeaufkommen im Radverkehr zu erzielen und keinesfalls durch die City-Bahn.
Als Fazit lässt sich festhalten, dass sowohl der absolute als auch der relative Anteil der City-Bahn am künftigen Verkehrsgeschehen in Wiesbaden als marginal bezeichnet werden muss und selbst der VEP der Stadt zu keinem anderen Ergebnis kommt.
Damit suggeriert die der Wiesbadener Bevölkerung vorgelegte Frage einen Sachverhalt der nicht zutrifft. Die Fragestellung ist in der Folge unsinnig, das gesamte Vorhaben in seiner derzeitigen Form ist zumindest fragwürdig!

Ferner gibt es widersprüchliche Zahlen im VEP:

siehe hierzu: VEP Umsetzung und Erfolgskontrolle S. 146
Stimmen die Zahlen aus der Graphik? Dann gibt es im ÖV nur einen Zuwachs von 11.000 Wegen pro Tag gegenüber dem Innovationszenario wie die im Text angegeben 16.500 Wege. Der MIV geht in der Graphik um 19% zurück, im Text ist nur von 18% die Rede. Die Erhöhung der Radverkehrsfahrten ist in Text und Graphik identisch. Im weiteren Text des VEP ist von 18.000 Wegen und von 13.800 Fahrten die Rede (Auslastung Pkw mit 1,3 Personen).
Bezogen auf die Gesamtzahl der Wege ist der Verlagerungseffekt allerdings ohnehin nur marginal!
Da sich der modal split durch die Einführung der City-Bahn ohnehin nur um einen Prozentpunkt zu Gunsten des ÖV gegenüber dem Innovationsszenario verschiebt, sind diese Ungenauigkeiten in Text und Graphik von wesentlicher Bedeutung.
Bedeutendster Anteil am veränderten Verkehrsgeschehen hat die Förderung des Radverkehrs in Wiesbaden, was in der Beschreibung des Innovationsszenarios durch die Autoren zum Ausdruck gebracht wird. Der Einfluss der City-Bahn auf das Verkehrsgeschehen ist als gering einzustufen. Die prognostizierten Verkehrszuwächse werden demnach vor allem durch den Radverkehr und nicht durch die City-Bahn abgefangen werden.

Zu hinterfragen ist auch die Aussage in der Frage an die Bürgerinnen und Bürger ob eine City-Bahn der Vermeidung von Staus diene.

Ganz ohne negative Wirkungen für den IV und betroffene Anlieger wird die City-Bahn nach den im VEP getroffenen Aussagen nicht zu realisieren sein. Evtl. werden weitere verkehrsbeschränkende Maßnahmen zur Verringerung der Auswirkungen der City-Bahn erforderlich werden. Die City-Bahn wird demnach für die Neuentstehung einiger Staus in der Stadt als Verursacher ausgemacht werden können.

Werden durch die City-Bahn tatsächlich Umweltbelastungen (Luft und Lärm) verringert?
Es ist erklärtes umweltpolitisches Ziel den Anteil der mit Verbrennungsmotoren betriebenen PKWs deutlich zu reduzieren. Elektrofahrzeuge sind sowohl am Ort Ihres Einsatzes was Luft und Lärmbelastung anbelangt deutlich umweltverträglicher als derzeitige PKWs. Einer City-Bahn bedarf es zur Erreichung dieses Ziel nicht.

Weitere Fragen im Zusammenhang mit der City-Bahn müssen beantwortet werden:
• Zu klären ist, ob sich durch die Einführung der City-Bahn die Umlaufzeiten an Lichtsignalanlagen verlängern werden. Dies wäre insbesondere für den Fußgängerverkehr nachteilig und stünde im Widerspruch zu Aussagen im VEP zum Fußgängerverkehr.

siehe hierzu VEP Zusammenfassung Bestandsanalyse S. 17

• Bislang ist die Einbindung in das Stadtbild noch völlig unzureichend. Weshalb wird das erprobte und bereits bewährte System „alimentation par le sol“ nicht in die Überlegungen für eine oberleitungsfreie Trassenführung einbezogen? Die Thematik wurde in verschiedenen Veranstaltungen angesprochen. Immer wieder nur auf Akku-Lösungen zu verweisen, schöpft das technische Potential nicht aus. Oberleitungen in der Innenstadt mit dem vielfach denkmalgeschützten Baubestand verbieten sich eigentlich von alleine!
• Aktuelle Aussagen zur Wirtschaftlichkeit und zur dauerhaften Belastung des städtischen Haushaltes durch das Vorhaben fehlen.

Erik Schaab, 09. August 2020

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1 Kommentar

Michael Hofmeister, 30. August 2020 um 12:23 Uhr

Bevor man überhaupt über eine CityBahn diskutiert, braucht man erst einmal einen vernünftigen Verkehrsentwicklungsplan! Der vorhandene ist nur eine Bestandsaufnahme, kein wirklicher Plan!

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